>> Wiener Hausärzteverband

Leserbrief doktorinwien 7-8/2003

Wie der Wiener Ärztekammerpräsident und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer Prim. MR Dr. Walter Dorner so treffend in seinem offenen "Brief des Präsidenten" hinweist, sind wir Ärzte nur gemeinsam stark.. Die Einheit des Standes hat oberste Priorität.

Nur ein paar Seiten weiter, in derselben Ausgabe von doktorinwien, liest sich das ganz anders.
Die angeblich zunehmende Verschlechterung der Situation der Allgemeinmediziner (AM) wird den bösen Fachärzten in die Schuhe geschoben: Sie wollten immer mehr Kompetenzen der AM streitig machen. Sie drängten in angestammte Hausarztangelegenheiten auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern, unterstützt von "ein paar Kammervertretern". Einzelne Themen würden die Fachgesellschaften lobbyistisch "herauspicken" und in breit angelegten Medienkampagnen somit die Kompetenz der Hausärzte unter den Augen der Öffentlichkeit und des Hauptverbandes untergraben. Der Bevölkerung würde außerdem vermittelt, daß die Hausärzte zur Behandlung banaler Erkrankungen zu blöd seien, weil manche Medikamente nur durch Fachärzte verschreibbar wären. Wenn Allgemeinmediziner dieselben Kriterien erfüllten (?), wie Fachärzte, warum dürften sie dann auch nicht dasselbe tun!? Und die bösen Medien schrieben nur über die Leistungsspektren von Spezialambulanzen, so würde die Bevölkerung indoktriniert. Freilich hätte seine Vorgängerin die Sektion sehr gut "verwaltet", aber jetzt wird alles geändert........

Und so weiter und so fort grantelt der neue/alte Sektionsvorsitzende MR Dr. Rolf Jens, der uns aus der Vergangenheit als Vertreter der Sektion Ärzte für Allgemeinmedizin wohl bekannt ist, in seinem Rundumschlag dahin.

Da haben wir den Salat. Nun herrscht wieder einer aus der Gilde des "Zentralbüros" über die Agenden der Sektion Ärzte für Allgemeinmedizin und approbierten Ärzte der Ärztekammer für Wien. Keine Rede von "Einheit des Standes" oder Zusammenarbeit. Viel eher wird der alte Grabenkampf mit allen denkbaren Untergriffen wieder zur Devise gemacht. Ein wahrhaft trauriges Beispiel von Verbitterung über eigene Unzulänglichkeiten.

Kein Mensch und auch kein Mediziner kann sich der heutigen Medienwelt verschließen, ohne dabei mißachtet zu werden. Es ist nun einmal Faktum, daß Informationen nicht mehr zurückgehalten werden können. Und wenn man sie nicht selbst verbreitet, werden das andere tun - nur mit anderem Ergebnis.

Wann ist den MR Dr. Jens zufrieden? Wenn 50 statt 15 Patienten die Wartezimmer bersten lassen? Wenn aus der 3-Minuten- eine 1 ½-Minutenmedizin geworden ist? Wenn es den "Facharzt für Allgemeinmedizin" gibt (ohne daß die Ausbildung mit dieser Titelgier Schritt haltet)?

Kompetenzen muß man sich erwerben. Nur dort, wo effiziente Leistungserbringung stattfindet, werden Patienten und Gelder gleichermaßen vorhanden sein. Und wenn am Titel "Facharzt" schon so gerne Anstoß genommen wird, schlage ich vor, das Wort "Fach" ganz wegzulassen. Es gäbe dann Ärzte für Allgemeinmedizin, Ärzte für Innere Medizin oder Ärzte für Pharmakologie und die Einteilung in Fächer würde sich ohnedies aus der Bezeichnung ergeben. Die ihnen obliegenden Bereiche der Medizin sind von der Österreichischen Ärztekammer klar geregelt. Und dort wo dies nicht der Fall ist, wird eine solche Regelung erfolgen.

Aber kein Lamentieren dieser Welt über die Böswilligkeit der Anderen wird in irgend einer Form zur Verbesserung der Situation beitragen. Die derart Angegriffenen werden sich im Gegenteil zur Wehr setzen, das gebietet schon der Reflex. Und was kommt dabei heraus: Infantile Standesstreitereien um vermeintliche Futtertröge, die jeder nur allein besetzen will.

Aber dabei wird die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn Politiker und Beamte des Hauptverbandes reiben sich als lachende Dritte die Hände. Divide et impera: Nichts leichter, als einem zerstrittenen Haufen irgendwelche Maßnahmen aufzuerlegen, die nur eine Gruppe benachteiligt. Die anderen, diesmal nicht betroffenen werden schon nach dem Floriani-Prinzip zustimmen. Und diese Maßnahmen werden kommen, soviel ist sicher!

Bei allem Respekt: Mit der von Ihnen in dem Interview angekündigten Vorgangsweise, sehr geehrter Herr MR Dr. Jens, werden wir das Spiel verlieren. Machen Sie sich doch einmal die Mühe über die Grenzen von Österreich hinaus zu blicken: In Deutschland oder Großbritannien können Sie studieren, wie schnell sich die Dinge im Gesundheitswesen zum Desaster für die Beteiligten entwickeln können. Die Hauptleidtragenden sind und bleiben dabei die Patienten, über die Sie jedoch kein einziges Wort verlieren!

Sie erweisen mit Ihrem Rundumschlag alter Prägung nicht nur den von Ihnen vertretenen Ärzten für Allgemeinmedizin sondern allen Ärzten in Österreich einen wahren Bärendienst! Kein Wort des konstruktiven Beitrags findet sich in Ihren Aussagen. Die einzige anständige und logische Konsequenz daraus kann nur sein, daß Sie sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückziehen!

Dr. Karl Dorfinger
Arzt für Urologie
Stv. Bundesfachgruppenobmann für Urologie