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"Die Fachärzte wollen uns die Behandlungskompetenz absprechen"

MR Dr. Rolf Jens ist neuer Vorsitzender der Sektion Ärzte für Allgemeinmedizin und approbierten Ärzte der Ärztekammer für Wien. Wie Jens die Allgemeinmediziner innerhalb der Ärztekammer vertreten will und welchen neuen Herausforderungen er sich stellt, erzählt er im Interview.


doktorinwien: Sie sind der neue und gewissermaßen auch alte Vorsitzende der Sektion Ärzte für Allgemeinmedizin und approbierten Ärzte der Ärztekammer für Wien. Wie ergab sich der Wechsel an der Spitze der Sektion?
Jens: Ich bin der Vorgänger von MR Dr. Andrea Kubec und jetzt auch wieder ihr Nachfolger. Bei den diesjährigen Wahlen erreichte der Hausärzteverband die gleiche Stärke wie davor. Der Hausärzteverband bekam sechs Mandate, das ist beinahe die Hälfte des Stimmgewinns der Allgemeinmediziner. Wir waren in der letzten Wahlperiode in Opposition und sind jetzt in einer Zusammenarbeit mit der Vereinigung. Nach dem Wahlerfolg war es eindeutig, dass wir wieder den Sektionsobmann stellen, so wie es auch davor war. Kollegin Kubec hat die Sektion sicher sehr gut verwaltet. Trotzdem wollen wir nun einige Dinge anders machen.

doktorinwien: Zum Beispiel?
Jens: Ich glaube, dass sich die Allgemeinmediziner in der Ärztekammer einfach nicht mehr so gut vertreten gefühlt haben. Wir hatten das Gefühl, dass die Interessen der Fachärzte über die der Allgemeinmediziner gestellt werden. Das dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, warum der Hausärzteverband keine Stimmen verloren, sondern wieder zugelegt hat.

doktorinwien: Wie lauten die Ziele für die nächste Legislaturperiode?
Jens: Die Situation wird in manchen Bereichen zunehmend schlechter für die Allgemeinmediziner. Es werden uns immer mehr Kompetenzen abgesprochen. Von fachärztlicher Seite spricht man uns im Bereich der Schmerztherapie, der Geriatrie sowie in der Beurteilung von neurologischen Erkrankungen und bei der Feststellung von Demenz unsere Behandlungskompetenz ab. Wir finden das unfair und ungerecht. Man muss einmal beachten, dass sich 80 Prozent der Hochbetagten zu Hause aufhalten und die wenigsten eine regelmäßige fachärztliche Versorgung durch Neurologen und Geriater in Anspruch nehmen. Die meisten werden von ihren Hausärzten betreut. Bei so eine große Menge an Patienten kann doch die Betreuung nicht so schlecht sein. Nur weil sich eine andere Gruppe unbedingt in unsere Bereiche hineindrängen will und neue Arbeitsfelder sucht, macht man unsere Tätigkeit schlecht. Wenn diese Tendenzen auch noch von ein paar Kammervertretern mitgetragen werden, dann fühlt sich nun einmal eine große Gruppe von Allgemeinmedizinern nicht wohl und schlecht vertreten. Hier wollen wir etwas verändern. Wir Allgemeinmediziner sollten mit mehr Mut in Auseinandersetzungen gehen, und wir wollen mit einem gewissen Stolz auf unsere Leistungen hinweisen.

doktorinwien: Das klingt ein wenig nach verletztem Stolz. Ist das wirklich so ein Problem im Ordinationsalltag?
Jens: Natürlich. Zum Beispiel wird gesagt, die Hausärzte verstünden nichts von der Schmerztherapie. Dann pickt man sich ein Beispiel heraus und zieht eine Kampagne auf, die mit großem Lobbying und medialer Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit publik gemacht wird. Nach so einer Kampagne glaubt nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch der Hauptverband und andere Entscheidungsstellen, dass die Allgemeinmediziner über keinerlei Kompetenzen verfügen. Der Bevölkerung wird vermittelt, dass die Hausärzte zu blöd seien, einen Fußpilz festzustellen und zu behandeln. Und warum? Weil wir die entsprechenden Salben nicht mehr verordnen dürfen. Nur der Hautarzt darf das auf Krankenkassenkosten. Wenn wir dieselben Kriterien erfüllen wie die Fachärzte, warum dürfen wir dann aber auch nicht dasselbe tun wie sie? Entweder ist das gute Lobbying der Facharztgesellschaften dafür verantwortlich, oder es herrscht eine gewisse Therapieverweigerung vor, nur weil es dem System Geld erspart. Das geht an die Grenze des Betrugs. Wir wollen unsere Kompetenz darstellen, wir wollen zeigen, dass wir viel leisten. Die Allgemeinmedizin hat zwar eine eigene Sichtweise, aber was sie als einzige Disziplin wirklich kann, ist ihre Grenzen abzuschätzen.

doktorinwien: Verfolgen Sie demnach auch das Bild des Allgemeinmediziners als Gate keeper, der auswählt, zu welchem Arzt der Patient überwiesen wird?
Jens: Der Arzt als Gate keeper soll dem Patienten Türen aufmachen und Barrieren nehmen. Aber der Patient hat derzeit doch gar keine Barrieren. Es gibt das Coaching des Patienten, aber der Patient steht vor keinem "gate". Ein "gate" ist eine Tür, die durch eine Mauer oder einen Zaun durchführt. Welchen Zaun gibt es in unserem Gesundheitswesen? Jeder Patient kann doch dorthin gehen, wohin er will.

doktorinwien: Vielleicht ist der Patient aber mit dem Zuviel an Information überfordert und weiß deshalb nicht, welchem Arzt er kontaktieren soll?
Jens: Vielleicht, aber der Patient wird durch das viele Lobbying der Fachgesellschaften und die mediale Berichterstattung ausreichend informiert. In jedem Nachrichtenmagazin wird darüber berichtet, welche Spezialambulanz auf welche Erkrankung spezialisiert ist. Die Patienten haben also genügend Informationen.

doktorinwien: Welche Themen möchten Sie als Obmann der Sektion Allgemeinmedizin besonders behandeln? Wo liegt ihr politischer Schwerpunkt?
Jens: Die erste Aufgabe wird sein, die Kommunikationsschiene zu den niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen zu verbessern. Es kann nicht sein, dass man wichtige Informationen wie beispielsweise die Absetzung von Medikamenten oder neue Erkrankungen mit Todesfolgen wie in China aus der Tagespresse erfahren muss und nicht durch die Information der Ärztekammer. Die Sektion hat gleich zu Beginn ein Rundschreiben ausgeschickt, in dem die Kolleginnen und Kollegen gebeten werden, uns ihre E-Mail-Adressen bekannt zu geben. Damit funktioniert die Kommunikation einfach am raschesten, und das Medium wird in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen. Der zweite Schwerpunkt meiner Tätigkeit wird sein, unsere Forderung weiter voranzutreiben, jegliche Therapie, die für den Patienten notwendig ist und die der Arzt auch verantworten kann, auf Krankenkassenkosten verschreiben zu können. Wir wollen die Einschränkungen in Diagnostik und Therapie wegbekommen. Ein dritter Punkt: Wir müssen die Tätigkeit des Allgemeinmediziners den Fachkollegen näher bringen. Denn die Fachärztinnen und -ärzte wissen scheinbar nicht, wozu es einen Allgemeinmediziner gibt. Manche meinen ja nach wie vor, dass die Hausärzte verzichtbar sind, weil sie selbst als Spezialisten die Wissenschaft gepachtet hätten.

doktorinwien: Welche Bedeutung messen Sie der Gesundheitsvorsorge zu?
Jens: Die Vorsorge ist ein wesentlicher Bereich der Allgemeinmedizin. Wir werden sicher noch weitere Kampagnen zur Vorsorge starten. Wir sind aber nicht damit einverstanden, dass man andere Berufsgruppen wie beispielsweise die Apotheker in die Aktionen der Ärztekammer einbezieht. Die Apotheker gehen ja dazu über, permanent Messungen in den Apotheken anzubieten. Behandlung ist etwas, was der Arzt zu tun hat, und die Ausfolgerung von Medikamenten hat der Apotheker über.

doktorinwien:: Glauben Sie, dass durch effiziente Vorsorge Kosten im Gesundheitswesen eingespart werden könnten?
Jens: Das ist eine lange Diskussion. Die Vorsorge hilft uns, Krankheiten früher zu erkennen. Wenn wir davon ausgehen, dass das frühe Entdecken von Krankheiten auch eine höhere Überlebensrate der Patienten bringt, dann heißt das auch eine längere Therapiezeit, und diese verursacht wiederum höhere Kosten. Wenn man argumentiert, dass die Vorsorge Kosten einspart, wird ein Gesundheitsökonom wahrscheinlich sagen, dass das nicht stimmt. Die billigsten Gesundheitssysteme sind jene, in denen der Patient an seiner ersten ernsten Erkrankung verstirbt. Der Benefit der Vorsorge ist also nicht primär die Kosteneinsparung, sondern die Zunahme an Lebenserwartung jener Personen, die sich einer Vorsorgeuntersuchung unterziehen.

doktorinwien: Wie stehen Sie zur ökonomischen Verschreibweise? Wird seitens der Gebietskrankenkasse Druck auf die Allgemeinmediziner ausgeübt?
Jens: Die Einsparungen durch die Verschreibung von Generika liegt im Skontobereich. Was man sich jedoch als Allgemeinmediziner überlegen muss, ist, wem man welche Therapie verschreibt, ohne dass die Krankenkasse einem auf die Finger schaut. Es kann aber nicht sein, dass der Allgemeinmediziner Behandlungsverweigerung betreibt, nur weil er unter dem Kostendruck der Krankenkasse steht. Hier gilt es, vehement dagegen aufzutreten.

doktorinwien: Wie stehen Sie zur Debatte um die Einhebung der Arztgebühr?
Jens: Es ist unmöglich, diese Gebühr in den Ordinationen einzuheben. Auch in den Spitälern ist die Idee gescheitert, warum soll es also in den Ordinationen funktionieren. Die Modelle der kleinen Kassen funktionieren, warum will man also ein neues Modell einführen, fragen sich viele Kolleginnen und Kollegen, und ich auch.


Das Interview führte Mag. Brigitte Biedermann.