AKTUELLES | Tagebuch einer Verschwenderpraxis


27.05.2008

Heute ist zusätzliches Leben in meiner Ordination: Diesen und die 2 folgenden Dienstage betreuen wir 2 Studenten der Medizinischen Universität Graz, die im 2. Semester bei uns eine erste Berufsfelderkundung machen. Sie sind bei allen unseren Tätigkeiten dabei, dürfen auch bei einfachen Dingen schon Hand anlegen und müssen eine kleine Dokumentation schreiben.

Für mich ist es immer sehr spannend zu erleben, welche Wandlung die Sicht dieser jungen medizinischen Laien auf unsere Rolle während dieser
3 Tagen durchmacht. Ich gebe ihnen immer einen Einleitungsfragebogen und einen Bilanzfragebogen am Schluss. Herrschen am Anfang die typischen oft ahnungslosen Klischees vor, die zur Zeit auch zuweilen durch Medien geistern, sind sie nach der kurzen Zeit „auf der anderen Seite der Budel“ fasziniert von der Vielfalt unserer Kontakte und Aufgaben und der spannenden Ergebnisse, die mit geringem Aufwand erzielt werden.

Und dann konnte ich ihnen den kommenden Segen der „Aut-idem-Regelung“ plastisch vorführen. Ein Patient ging vor 3 Tagen in die Apotheke, da ihm sein Antidepressivum Mianserin ausgegangen war. Er hat von mir schon länger das Genericum verschrieben bekommen. Da der Apotheker dieses nicht gerade auf Lager hatte, gab er ihm das Originalpräparat der Erst-Herstellers. Der Patient musste daraufhin nach der ersten Tablette erbrechen und hat somit dann übers Wochenende seine Therapie, die unbedingt weiterlaufen sollte, abgesetzt. Na Bumm, Frau Kollegin Minister!!

Herzliche Grüße aus der Praxis am Rande der Stadt

Ihr
Dr. Michael Wendler
8046 Graz



25.05.2008

Zum Glück konnte ich heute meinen Dienst beim Ärztenotdienst Graz wegtauschen und kann mich meiner kranken Tochter widmen. Ein anderer Kollege von uns Allgemeinmedizinern ist für die 12 Stunden eingesprungen. 2 Telefonärzte und 4 Fahrärzte versorgen am Sonntag über den ganzen Tag ca 260000 Bewohner im Raum Graz in hausärztlichen Angelegenheiten. An verlängerten Wochenenden kann das ganz schön stressig werden.

Dabei muß ich mich schon wieder ärgern, über die ständige ungerechtfertigte mediale Kritik, von den Ärzten kämen keine konkreten Verbesserungsvorschläge zu Fragen der Versorgung. Seit Jahren haben wir immer wieder vorgeschlagen, mit dem Ärztenotdienst schon am Freitag um 13 Uhr zu beginnen. Damit könnte die Versorgungslücke in der Stadt vor dem Wochenende locker geschlossen werden und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser geregelte Dienst mehr kostet, als wenn alle selber erreichbar sind. Die Patienten am Freitag Nachmittag gehören neben natürlich vereinzelt akut betroffenen Menschen eigentlich nur 3 großen Gruppen an: Die Spitalsentlassungen vor dem Wochenende, akute Verschlechterungen oder Erkrankungen von Leuten, die am Wochenende dienstlich oder in den Urlaub wegfahren und schließlich Pendler, die unter der Woche nicht da sind und erst am Freitag nach Hause kommen.

Aber der allerorts gut gepflegte Kompetenzen-Wirrwarr und das allgemeine Töpfe-Denken („zahl lieber Du, dann ist meine Bilanz besser“) ließ die Institutionen immer unseren von der Basis kommenden Vorschlag abschmettern. Irgendwann geben dann viele Kollegen das Vorausdenken auf.

Heute Vormittag hat mich dann doch noch der Sohn eines alten Patienten erreicht. Sein Vater war von mir vor 2 Tagen akut zum Röntgenologen geschickt worden, da der Verdacht eines Lungenlecks bestand. Es hat sich dann zwar „nur“ eine Lungenentzündung herausgestellt, aber der Fachkollege hat den Oberschenkel-Amputierten untergewichtigen alleine zu Hause lebenden Patienten ins LKH weiterverwiesen. Dort ist er dann nach Unterzeichnung eines Revers geflüchtet. Und heute ißt er fast nichts mehr. Natürlich habe ich eine Einweisung und einen Transportschein in die Landes-Lungenabteilung ausgestellt. Aber das Hochfahren des e-card-Systems und der diesbezügliche Eintrag dort hat alleine gestoppte 5 Minuten gebraucht. Früher fand meine Assistentin am Montag in der Früh die Notiz über die Konsultation am Schreibtisch und hat in einer Arbeitspause die Bürokratie nacherledigt. Schöne neue sekundengenau strukturierte Elektronik-Welt!

Bis morgen!

Ihr
Dr. Michael Wendler
Arzt für Allgemeinmedizin
8046 Graz


24.05.2008

Geschätzte RedakteurInnen!

Endlich ein ruhiges Wochenende und ich kann mich der Diplomarbeit für das Zusatzdiplom in Geriatrie widmen. Bis Mitte Juni soll sie im groben Umfang fertig sein. Als Thema habe ich gewählt eine Erhebung der Komorbidität von betagten Ehepaaren als Vorbereitung einer längerfristigen Beobachtung, wie sich deren Gesundheitszustand gegenseitig beeinflusst.

Aber angesichts der neuen Schlagzeilen und Kommentare würde ich derzeit diese frei gewählte Zusatzbelastung lieber hinschmeißen. Denn wir Ärzte aus ganz Österreich in diesem Kurs sind eigentlich Idioten!

An 8 Wochenenden übers Jahr fahre ich nach Innsbruck, Salzburg oder Bad Ischl, muss dafür jeweils den Freitag die Ordination schließen und zahle für jeden Kurs 250,- EU und für Bahn und Nächtigung 200,-, dass heißt für die ganze Ausbildung 3600,- EU und 8 Tage Verdienstentgang .

Und was haben wir davon: Nichts wirklich. Denn mit der neu gewonnenen Kompetenz sind wir nun viel besser vorbereitet auf die demographische Überalterung unserer Patienten. Das schlägt sich in längeren Betreuungszeiten nieder, da umfassendere Befundaufnahmen und Assessments sich ergeben. Auch die Helferkonferenzen werden mehr. Nur für all dies gibt es keine zusätzlichen Honorarpositionen, sondern wir machen das weiter gratis. Übrigens bei den Helferkonferenzen sitzen uns alle professionellen Partner in ihrer Dienstzeit, also bezahlt, gegenüber!

Außerdem Geriatrie: Hier ein Nachschlag zu gestern Nachmittag: Ich bin zu 8 geriatrischen Patienten in 5 Haushalten gefahren und habe dafür 2 Stunden gebraucht. Danach musste ich diese Visiten noch eine dreiviertel Stunde nachbearbeiten. Bruttohonorar: 154,- EU (5 Tagvisiten, 3 Mitbesuche und 1 hausärztlicher Koordinationszuschlag). Sollte ich nicht doch das Handwerk wechseln. Die Kollegen dort bekommen Trinkgeld, ich eine Schokolade und eine Flasche Rotwein.
Aber ich weiß schon: Die Bindung und das persönliche Verhältnis!

Schönen Samstag noch

Herzlichst

Dr. Michael Wendler
Arzt für Allgemeinmedizin
8046 Graz


23.05.2008

Und überhaupt diese e-card! Meine Ordinationshilfe ist in letzter Zeit wieder ziemlich verärgert. Denn von Woche zu Woche funktionieren das Kartenlesegerät und die Karten der Patienten immer schlechter. Heute hat jede 3. Karte nicht auf Anhieb funktioniert. Mehrmals abwischen, mehrmals stecken, immer wieder geht nur ein Ersatzstecken mit unserer Ordinationskarte (was unser freies Kontingent für vergessene Karten massiv einengt).

Wir haben nun ein wenig nachgeforscht: Unsere EDV-Firma hat schon gehört, dass jetzt nach wenig mehr als 2 Jahren die Kartenlesegeräte in einigen Regionen schon flächendeckend ausgewechselt werden mussten. Ein Kollege berichtete, dass der Servicemann der Telecom ihm bescheinigt hat, dass das „Kastl“ von vornherein nicht für länger konzipiert gewesen sei, da so billig. Und die Information von einem anderen Kollegen war dann noch aufschlussreicher. Das System ist uns ja geliehen. Aber die Arbeit der Telecom beim Austausch des Lesegerätes müssen wir zahlen.

Sind wir schon wieder über den Tisch gezogen worden? Bei der Umstellung 2005 musste ich weit über 5000,- EU investieren, da ich das System in meine Ordinationssoftware integriert haben wollte. Das hieß eine Kettenreaktion: zuerst die Hardware aufrüsten und dann, dass mein Programm weder mein EKG oder meine Lungenfunktion lesen konnte usw. usw. Denn die Verheißung, das System sei uns gratis zur Verfügung gestellt, war wieder einmal keine Lüge: Aber die Qualität der Grundausstattung ist so ähnlich, wie wenn Sie in der Redaktion nur ein Wählscheibentelefon hätten.

Und das System hat noch andere Tücken. Heute hatten wir schon wieder 3 Patienten, die ordnungsgemäß die Änderung ihres Versicherungsstatus gemeldet haben und ihre Karte ist nach einer Woche noch immer nicht freigeschaltet. Diese Leute (oft Studenten mit kurzzeitigen Arbeiten, Migranten mit neuer Versicherung oder Arbeitslose) behandeln wir „auf Pump“. Da wird’s dann natürlich keine Quittung geben. Und wenn endlich die Karte funktioniert, tragen wir die Leistung nach. So wie früher beim Kaufmann beim Anschreiben. Ist das der Sinn eines elektronischen Systems?

Schönes Wochenende

Ihr Dr. Michael Wendler
Arzt für Allgemeinmedizin
8046 Graz



22.05.2008 Fronleichnam

Auch heute gibt’s einen Eintrag.

Dass ich gestern am Abend fluchtartig meine Ordination verlassen habe, bedeutet nicht, dass ich mit der Arbeit wirklich fertig war. Heute am Feiertag heißt es, einige bürokratische Tätigkeiten nachzuholen, einen Teil der Visiten noch nachzuprotokollieren. Aber, da die jüngste Tochter krank ist, sind wir zu Hause und ein geruhsamer Vormittag in der Ordination am Feiertag bei guter Musik in Ö1, Herz was willst Du mehr. Da beneiden Dich sicher viele Leute darum (?!).
Dass wir seit Einführung der e-card schon 1 Tag später nicht mehr die Karte für eine Leistung am Vortag stecken können, rächt sich aber da auch manchmal. Denn z.b. der Koordinationszuschlag gestern wurde noch nicht verbucht.
Und endlich habe ich wieder ein wenig Zeit für meine Diplomarbeit in Geriatrie!



21.05.2008

Gestern bin ich direkt von der Arbeit todmüde ins Bett gefallen. Das Gefühl war „erschöpft, aber mit dem Geleisteten zufrieden“.

Als ich aber heute in der Früh in den Medien schon wieder lesen musste, wie wir Ärzte derzeit geprügelt werden, kehrte sich dies in Ärger und Frust.

Ich habe daher vor, in nächster Zeit mehr oder weniger regelmäßig aus meiner Arbeitswelt als niedergelassener Allgemeinmediziner zu berichten. Dies ist nicht als Leserbrief gedacht. Ich habe eher den Verdacht, dass zwar jeder Politiker (und auch wahrscheinlich jeder Journalist) seinen armen, geknechteten Praktiker ums Eck hat, den er bedauert, aber aus irgendwelchen pauschalen Vorurteilen haut man doch kräftig auf die Masse der Ärzte hin (die eben aus diesen besteht).

Gestern war wieder einmal „volles Programm“ angesagt, da auch zusätzlich die Vertretungspatienten einer Nachbarkollegin zu betreuen waren. Beginn mit Laborproben in der Früh, dann mehrere komplexe Hausbesuche, am Nachmittag Ordination von 15:30 bis offiziell 18:00. Der letzte Patient verließ die Praxis aber erst um 19:45. Mittagessen gab es keines. Dafür bekamen meine Turnusärztin und ich wenigstens ein paar Häppchen bei der Eröffnung des neuen Gerontopsychiatrischen Zentrums in der Plüddemanngasse, für die wir wenigstens 1 Stunde freischaufeln konnten.

Doch nun zum Thema: Highlight des Tages war eine Familie, in der die 64-jährige Frau seit einem ¾ Jahr den Gatten zu Hause betreut. Dieser leidet an einem rasch fortschreitenden bösartigen Hirntumor, ist fast nur bettlägerig, muß gewickelt werden, hat eine Magensonde und einen Dauerkatheter. Offensichtlich durch die hervorragende Obsorge durch seine Frau hat er die Prognose von max 6 Monaten schon deutlich überlebt und nimmt am Leben der Familie mit Kindern und Enkel noch bewusst, emotional  und gut behütet teil.

Die bisher völlig gesunde Gattin war vorgestern wegen eines diesen Winter aufgetretenen lästigen Hustens auf meine Veranlassung beim Facharzt: Niederschmetternede Diagnose: Faustgroßer Tumor in der Lunge und ebenso in der Milz. Eine umfangreiche Abklärung zur Planung der Therapie, Chemo, Stahl oder Strahl ist rasch erforderlich. Und das noch vor einem verlängerten Wochenende.
Jetzt kommts: Anruf am frühen Nachmittag an der Lungenabteilung in Enzenbach, tolle Oberärztin versteht unser Problem, dass die Abklärung Hand in Hand mit der Betreuung des Gatten stattfinden muss und daher nur ein ganz bestimmtes Zeitfenster ab Montag machbar ist. Wir organisieren gemeinsam  2 aufwändige Untersuchungen (PET und Ganzkörperszintigramm) ambulant am Fenstertag Freitag in der Radioklinik, sodaß der stationäre Aufenthalt ab Montag 3 bis max. 4 Tage dauern wird.

Konsequenz: Die Tochter kann den Vater  4 Tage versorgen und dieser muß nicht parallel 7 Tage ins Spital, die Frau muss statt 7 Tagen nur 4 Tage ins Krankenhaus. Das heißt, mit über ½ Stunde Telefonaten haben wir dem Gesundheitssystem 10 Krankenhaustage erspart und dem Patienten das Risiko genommen, verwirrt und wundgelegen aus einer unbekannten Umgebung zurückzukommen (mit all den Folgen).

Während dieser Zeit war natürlich schon mein Wartezimmer voll und wenn nicht unsere Turnusärztin die Betreuung weitergeführt hätte, wer weiß, wann wir dann nach Hause gekommen wären.

Wenn ich dann die Zeitung aufschlage und lesen muß, was für Gauner wir sind, dann kann ich nur den Kopf schütteln..

Für die gestrige Koordinationstätigkeit kann ich mit gut Glück die Position 148 (hausärztlicher Koordinationszuschlag) in 6% der Fälle eines Quartals verrechnen. Das ergibt 11,04 EU brutto. Und soll ich dann der Patientin noch die Quittung per Post schicken? Wenn die 6% überschritten sind, steht dann dauf: „gratis“.

Übrigens: Da die Überweisung für die beiden teuren Untersuchungen am Freitag von mir ausgestellt worden ist, hätte ich auch noch eine Chefarztbewilligung einholen müssen. Oder die Patientin schnell noch irgendwie in die Ambulanz in Enzenbach bugsieren müssen, denn deren Zettel wäre bewilligungsfrei!! Ich habe drauf verzichtet, muss allerdings u.U. mit Sanktionen rechnen.

Von den Problemen mit dem e-card-Gerät berichte ich später mal. Meine Assistentin hatte glaub ich den halben Tag deswegen hohen Blutdruck.

Das wärs fürs erste.

Herzlichst
Dr. Michael Wendler


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